2016 - 2018 Prof. Dr. Karlheinz Thimm / Dr. Martin Hoffmann

Erkenntnisgewinn und Praxisentwicklung durch die Qualitätsagentur Heimerziehung

Die von uns gegründete Qualitätsagentur Heimerziehung hat seit 2016 16 Erziehungshilfeein-richtungen mehrere Tage im Rahmen eines Modellprojekts besucht, um herauszufinden, „was im pädagogischen Alltag wirklich läuft“. Gemeinsam mit den Einrichtungen wollten wir Stärken, aber auch Entwicklungspotenziale in der Verknüpfung von Einschätzungen von innen und Blicken von außen untersuchen. Die Recherchen der Zweierteams mündeten in 45- bis 100seitigen Berichten mit anschließenden Handlungsempfehlungen (vgl. Schwabe/Thimm 2018).

Der neue, nunmehr im Regelbetrieb als Qualitätsagentur Erziehungshilfen laufende Ansatz besteht aus der Kombination von drei Elementen:

  • Teilnehmende Beobachtung im Alltag
  • Befragung von Betroffenen (jungen Menschen) und Beteiligten bzw. Koproduzenten von Hilfen (Eltern; Mitarbeiter_innen der Jugendämter; Betreuer_innen u.a.m.)
  • Analyse von Dokumenten (Konzepte; Hilfepläne; Teamprotokolle etc.)

Folgende Anlasstypen können unterschieden werden: Einrichtungen entwickeln von sich aus die Initiative zu einer Visitation. Die Qualitätsagentur spricht Einrichtungen an, die als besonders innovativ angesehen werden. Die Visitation wird fachaufsichtlich empfohlen oder bei gravierenden Problemen in Ausnahmefällen von Behörden auferlegt. 

Die 35 Gruppen, die wir visitiert haben, können nicht als repräsentativ für die Heimerziehung in Deutschland im Jahr 2016 bis 2018 angesehen werden. Dazu ist ihre Zahl zu klein und ist die Zusammensetzung des Samples zu spezifisch, da dort viele in irgendeiner Weise besondere Gruppen eingegangen sind, insbesondere solche, die mit den „Schwierigen“ arbeiten. Gleichzeitig ist schon lange keine so große Zahl von stationären Gruppen so intensiv mit so breitem Methodenrepertoire in den Blick genommen worden. Insofern dürfen viele der gewonnenen Erkenntnisse weit über das Sample hinaus Bedeutung beanspruchen.
(1) Stärken in den meisten der von uns visitierten stationären Gruppen

  • In der stationären Erziehungshilfe wird von Seiten der Mitarbeiter_innen viel geleistet.
  • Es dominieren ein starkes „Ja“ zu diesem Beruf und ein hohes Engagement der Mitarbeiterschaft. Sowohl der Beruf als auch der Arbeitsplatz „Heim“ stellt für viele von ihnen das Feld dar, in dem sie arbeiten wollen und gerne arbeiten.
  • Respekt und Wertschätzung gegenüber den jungen Menschen sind trotz hoher und zeitweilig immer wieder höchster Beanspruchung überwiegend stark ausgeprägt.
  • Die Mitarbeiter_innen sehen Beziehungsgestaltung und die Herstellung eines möglichst sicheren und angstfreien Klimas in der Gruppe als ihre prominente Aufgabe an.
  • In Konflikten und bei der Durchsetzung von Regeln haben die Orientierung am Wert von Fairness und die Vermeidung von Eskalationen oberste Priorität. Das stellt nicht nur einen kollektiven Anspruch dar, sondern wird auch in der Praxis umgesetzt, wenn auch nicht überall mit dem dazu nötigen selbstkritischen Blick.
  • Die Teamarbeit zeigt sich an sehr vielen Standorten als offen, tragend, sorgfältig, Unterschiede produktiv tolerierend. Die Verbindlichkeit untereinander ist hoch: Es ist unter Kolleg_innen selbstverständlich, dass man für andere einspringt und Vertretungen leisten muss bzw. selbst auch bei leichteren Erkrankungen in den Dienst kommt.
  • Die Kooperation mit Schulen, Ärzt_innen, Therapeut_innen, Polizei etc. wird ernst genommen und in der Regel sorgfältig geplant und verlässlich ausgeführt.
  • Die Haltebereitschaften in Einrichtungen haben sich in der Breite als recht ausgeprägt erwiesen; man macht es sich mit Verlegen deutlich schwerer als vor einigen Jahren, wobei es immer noch vermeidbare Abbrüche gibt.
  • Oft wird versucht, mit Blick auf Peers, Nachbarschaften, Freizeit, Schule etc. ein Maximum an Normalisierung und Integration zu schaffen.
  • Viele Leitungskräfte können gut balancieren zwischen Fürsorge und Kontrolle, Lassen und Fordern, Autonomie zugestehen und Vorgeben.

(2) Entwicklungsaufgaben in der Mehrzahl der visitierten Einrichtungen
Viele schon länger in Fachkreisen konstatierte Defizite zeigten sich auch bei unseren Visitationen überzufällig.

  • Konzepte versprechen Dinge, die man nicht einhält. Sie werden oft ohne die unmittelbare Fachkraftebene für „das Schaufenster“ erstellt. Relevante Schlüsselprozesse werden entweder überhöht und realitätsfern abgebildet oder erst gar nicht beplant, was eher das Vergessen befördert.
  • Ein breit angelegtes, kluges und empathisches Fallverstehen als Grundlage von Erziehungs- und Hilfeplanung, aber auch als Anregung für passende Handlungsstrategien in Krisen oder bei fehlender Motivation der Kinder und Jugendlichen, fehlt in vielen Heimen. Es wird allerdings auch von Jugendämtern weder eingefordert noch durch eigene Vorleistungen gefördert. Beim Verstehen sollte es (auch) um das professionelle Nachvollziehen von Reizen, Gewinnen und Lust gehen, die in abseitigem Verhalten wohnen und wirken („Gutes am Schlechten“ aus Sicht junger Menschen und Eltern). Das fällt Professionellen mitunter schwer.
  • Auch die Hilfe- und Betreuungsplanung mit kontinuierlicher Zielentwicklung wird an vielen Orten lieblos und wie nebenbei erledigt, wobei die Vorarbeiten aus den Jugendämtern fast immer auch hier unzureichend sind.
  • Die Einbindung der Herkunftsfamilie geschieht häufig nicht so, dass erkennbar ist, dass die zentrale Rolle von Eltern- und Familienbeziehungen erkannt wird. Eltern werden informiert und zu Gesprächen eingeladen, aber die untergründigen und oft schwer zu entschlüsselnden Familiendynamiken werden hinsichtlich der Auswirkungen auf Kinder/Jugendliche, aber auch auf die Beziehungsgestaltung gegenüber den Mitarbeiter_innen oft nicht genug verstanden (Abwertung; Konkurrenz; Loyalität etc.). In der Haltung von durch Eltern frustrierte Fachkräfte herrscht nicht selten ein entwertendes „Störenfried“-Denken, was zum Heraushalten von Müttern und Vätern führt. In keiner Einrichtung haben wir ein systematisches, mittelfristig angelegtes kompetenzenorientiertes Elterntraining erlebt, das Eltern dezidiert dazu befähigen möchte, ihre Kinder in absehbarer Zeit wieder selbst versorgen und erziehen zu können (z.B. in Elterngruppen etc.).
  • Auch die Individualisierung von Rechten und Pflichten sowie Regeln und der Umgang mit besonderen Bedürfnissen etc. sind in der Breite noch auszubauen. Es fehlt oft der Blick dafür, welche hohen Ansprüche an die eigene Verhaltenskontrolle der Gruppenkontext von den Kindern bzw. Jugendlichen verlangt und wo Leistungen, die alle bringen sollen, einzelne junge Menschen überfordern.

(3) Licht und Schatten in kennengelernten stationären Hilfen (etwa hälftige Verteilung)

  • Beteiligungs- und Beschwerdemöglichkeiten werden an einigen Orten von den Mitarbeiter_innen als wichtig erachtet und praktiziert, in anderen Einrichtungen weniger oder kaum.
  • Mitunter wird auch das schwierige Geschäft der Kooperation, vor allem mit einer anderen als der eigenen Berufsgruppe und dort primär mit Schule und therapeutischem Bereich, nicht sorgfältig geleistet, wobei wir auch sehr positive Beispiele erleben konnten. Gerade die statusschwächere Gruppe der Erzieher_innen (häufig identifiziert mit Kindern und Jugendlichen), aber auch die jeweiligen statushöheren Kooperationspartner haben oft Probleme mit dem von der Sache her anspruchsvollen Zusammenwirken.
  • Das Thema der Gruppenbesprechungen bzw. regelmäßigen Reflexionen des Tages oder der eigenen Entwicklung wird an einigen Orten mustergültig realisiert, während es in anderen Gruppen vernachlässigt oder mit falschen Erwartungen überfrachtet wird.


Was sehen wir als zentrales Alleinstellungsmerkmal der Qualitätsagentur? Im Zentrum stehen Einschätzungen der pädagogischen Arbeit durch Teilnahme von heimerfahrenen externen Fachkräften am Alltag und die Einbeziehung möglichst vieler Beteiligter vor Ort. Dies geschieht in einer Weise, wie es andere Vorgehensweisen (Organisationsberatungen; Befragungen; Supervision etc.) nicht leisten können, da diese nicht unmittelbar am Alltag und den Erfahrungen der Akteure ansetzen. Trägerverantwortliche und Leiter_innen können vertiefte Einblicke in die Arbeit ihrer Einrichtungen erhalten, die ihnen sonst nicht zugänglich sind. Mitarbeiter_innen erhalten Rückmeldungen über ihr Handeln und Reflektieren, die von Wertschätzung geprägt sind. Die Einrichtungen erhalten ein Paket von Empfehlungen, die über einen langen Zeitraum hin entwicklungsorientierend sein können. Dazu braucht es interne Leitung der Prozesse und ggf. externe Unterstützung.

Die Qualitätsagentur wird ihre Arbeit gemäß Nachfrage in Trägerschaft des INIB e.V. an der Evangelischen Hochschule Berlin fortsetzen und bietet drei Produkte an:
(1) Visitationen auf der Grundlage des Qualitätsrahmens mit Anwendung der Breite der Er-kundungsmethoden (Aktenanalyse; Konzeptanalyse; teilnehmende Beobachtung; Interviews und informelle Gespräche mit jungen Menschen, Personensorgeberechtigten, Leitungskräften, Mitarbeiter_innen der Einrichtungen und aus belegenden Jugendämtern etc.)
(2) Hospitationen, in denen jeweils gemeinsam zu entwickelnde Einrichtungs- und Mitarbeiteraufträge im Mittelpunkt stehen. Auf die Auftragsklärung und Ankopplung wird dabei besonderer Wert gelegt. Auch der Einsatz bzw. die Kombination der Methoden (Interviews; Aktenanalysen; Teilnehmende Beobachtung) kann frei verabredet werden.
(3) Auferlegte Visitationen bei besonderen Vorkommnissen, die Fragen nach der Gewährleistung des Kindeswohls aufwerfen bzw. bei aufsichtlich vermuteten erheblichen Defiziten in der Leistungserbringung. 
Der zeitliche Umfang ist in jedem Fall und für alle Leistungen frei verhandelbar. Alle drei Produkte beinhalten schriftliche Handlungsempfehlungen. Über die Kostenhöhe und die Finanzierung muss im Einzelfall entschieden werden. 

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Veröffentlichung: Schwabe/Thimm: Alltag und Fachlichkeit in den Hilfen zur Erziehung. Beltz Juventa 2018. 476 Seiten